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Donnerstag, 22 Januar 2026 18:32

Frauen und Entscheidungsfindung: Fortschritte und Herausforderungen aus europäischer Perspektive

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Martina Schubert, Anttoni Saarinen und Ana María Alonso Giganto während der Podiumsdiskussion zu Gleichstellung und Entscheidungsprozessen an der Diplomatische Akademie Wien. Foto: CulturaLatina

Die Gleichstellung der Geschlechter in Entscheidungsprozessen bleibt eine zentrale Herausforderung moderner Demokratien. Vor diesem Hintergrund diskutierten Expert:innen bei der Podiumsdiskussion „Equality and Women’s Role in Public and Private Decision-Making Processes“ an der Diplomatischen Akademie Wien über bereits erzielte Fortschritte sowie weiterhin bestehende strukturelle Hürden, insbesondere im Hinblick auf die Beteiligung von Frauen an öffentlichen und privaten Entscheidungsprozessen.

An der Diskussion nahmen Ana María Alonso Giganto, Botschafterin für Feministische Außenpolitik im spanischen Außenministerium (MAEC), Anttoni Saarinen, Sonderberater der Abteilung für Gleichstellung im finnischen Ministerium für Soziales und Gesundheit, sowie Martina Schubert, stellvertretende Direktorin der Diplomatischen Akademie Wien und Moderatorin des Abends, teil.

In ihrem Beitrag machte Alonso Giganto deutlich, dass das Fehlen von Frauen in Entscheidungspositionen unmittelbare Auswirkungen auf die Qualität politischer Entscheidungen habe. Wenn Frauen nicht an Entscheidungsprozessen beteiligt seien, bleibe ein wesentlicher Teil der Gesellschaft unberücksichtigt. Parität sei daher keine symbolische Forderung, sondern eine demokratische Notwendigkeit.

Spanien habe in den vergangenen Jahren eine Reihe konkreter Maßnahmen umgesetzt, um strukturelle Ungleichheiten abzubauen. Dazu zählen unter anderem gleich lange und vollständig bezahlte Elternzeiten, der Ausbau frühkindlicher Betreuung, verpflichtende Gehaltstransparenz sowie Lohnprüfungen in Unternehmen. Hinzu kommen gesetzlich verankerte Paritätsvorgaben für Wahllisten politischer Parteien. Ziel dieser Maßnahmen sei es, gleiche Ausgangsbedingungen für Frauen und Männer zu schaffen und den Zugang von Frauen zu Entscheidungspositionen nachhaltig zu verbessern.

Equality and women's role in public and private decision-making processes
Ana María Alonso Giganto und Anttoni Saarinen betonten, dass Gleichberechtigung bei der Entscheidungsfindung eine demokratische Voraussetzung sei. Foto: CulturaLatina.
Equality and women's role in public and private decision-making processes
Ana María Alonso Giganto: „Wenn keine Frauen an Entscheidungsprozessen beteiligt sind, wird die Hälfte der Gesellschaft ausgeschlossen.“ Foto: CulturaLatina.
Equality and women's role in public and private decision-making processes
Anttoni Saarinen: „Die Benachteiligung aufgrund von Mutterschaft bremst weiterhin die Führungsrolle von Frauen.“ Foto: CulturaLatina.

Einer der Schwerpunkte ihres Vortrags war die körperliche Autonomie als Grundlage für die Stärkung von Frauen. Laut Alonso Giganto könne ohne die Möglichkeit, frei über den eigenen Körper zu entscheiden, weder von echter Gleichberechtigung noch von uneingeschränktem Zugang zum Arbeitsmarkt und zum öffentlichen Leben die Rede sein – beides unverzichtbare Voraussetzungen für die finanzielle und soziale Unabhängigkeit von Frauen. Dieser Ansatz, so Alonso Giganto weiter, werde auch nach außen getragen, und zwar durch die feministische Außenpolitik Spaniens, die darauf abzielt, die im Inland erzielten Werte und Fortschritte auf die internationale Ebene zu übertragen.

Aus finnischer Sicht stimmte Saarinen zu, dass Vielfalt die Qualität von Entscheidungen sowohl in der Politik als auch im privaten Sektor verbessert. Er hob hervor, dass Finnland einen hohen Frauenanteil in Regierung und Parlament aufweist, wies jedoch darauf hin, dass auf dem Arbeitsmarkt weiterhin Ungleichheiten bestehen – insbesondere in männerdominierten Branchen und in den Vorständen privater Unternehmen.

Saarinen verwies zudem auf bestehende Doppelstandards im Berufsleben. Während Frauen nach der Geburt eines Kindes häufig mit Karriereeinbußen konfrontiert seien, der sogenannten „Motherhood Penalty“, profitierten Männer oft von einer „Fatherhood Premium“. Hinzu kämen sexuelle Belästigung, die systematische Abwertung weiblicher Kompetenzen sowie tief verankerte Geschlechterstereotype, die den beruflichen Aufstieg von Frauen erschwerten.

Gleichstellung unter Druck im multilateralen Kontext

In der Fragerunde brachte ein Vertreter der Botschaft von Irland eine weitere internationale Dimension in die Diskussion ein. Sie verwies auf die Fortschritte Irlands, darunter eine weibliche Staatspräsidentin, eine Außen- und Verteidigungsministerin sowie einen hohen Frauenanteil im diplomatischen Dienst. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass Gleichstellung im parlamentarischen Alltag weiterhin durch lange Arbeitszeiten und gezielte Anfeindungen gegen Politikerinnen, insbesondere in sozialen Medien, erschwert werde.

Zudem stellte sie die Frage, wie gleichstellungspolitische Sprache und bestehende internationale Verpflichtungen im System der Vereinten Nationen verteidigt werden könnten, da diese zunehmend von staatlichen Akteuren unter Druck geraten.

Alonso Giganto sprach sich in diesem Zusammenhang für klare politische „rote Linien“ aus und betonte, dass es im multilateralen System keinen Rückschritt bei der Gleichstellung geben dürfe. Saarinen ergänzte, dass weltweit koordinierte Anti-Gender-Bewegungen versuchten, Errungenschaften der letzten Jahrzehnte infrage zu stellen und Frauen aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen.

Zum Abschluss des Abends unterstrich Aurora Mejía, Botschafterin des Königreichs Spanien in Österreich, die Bedeutung, Gleichstellung nicht nur zu symbolischen Anlässen zu thematisieren. Es sei wichtig, diese Debatte kontinuierlich zu führen und europäisch zu denken. Fortschritte einzelner Mitgliedstaaten wirkten sich positiv auf die gesamte Europäische Union aus. Ziel sei es nicht, Belehrungen zu erteilen, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung voranzugehen.

Die Podiumsdiskussion machte deutlich, dass Gleichstellung in Entscheidungsprozessen kein abgeschlossener Zustand ist, sondern ein fortlaufender politischer und gesellschaftlicher Prozess, der aktive Gestaltung, institutionelle Verantwortung und eine klare Haltung gegenüber Rückschritten erfordert.

Equality and women's role in public and private decision-making processes
Debatte in Wien über Geschlechtergleichstellung und Entscheidungsfindung mit wichtigen Perspektiven aus Spanien und Finnland. Foto: CulturaLatina.
Equality and women's role in public and private decision-making processes
Von links nach rechts: Martina Schubert, Vizepräsidentin der Diplomatischen Akademie Wien; I. E. Frau Botschafterin Aurora Mejía; und María Taramona, Chefredakteurin der „Zeitschrift CulturaLatina & Österreich“. Foto: CulturaLatina.
Equality and women's role in public and private decision-making processes
Zahlreiche Teilnehmer bei der Debatte über Geschlechtergleichheit und weibliche Führungskräfte in der Diplomatischen Akademie Wien. Foto: CulturaLatina.

Letzte Änderung am Sonntag, 25 Januar 2026 22:14
Maria Taramona

María Elena Taramona de Rodríguez ist Journalistin, Grafikdesignerin sowie Chefredakteurin und Herausgeberin des zweisprachigen Magazins CulturaLatina & Österreich. Seit 2005 lebt sie in Österreich und gründete 2009 in Wien ihre eigene Werbeagentur, aus der später das Magazin entstand. Mit viel Engagement setzt sie sich dafür ein, kulturelle Verbindungen zwischen Österreich und der lateinamerikanischen Community zu stärken und den interkulturellen Austausch zu fördern.

 

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